Der Außerirdische
Bundesliga, 6. Spieltag: SV Darmstadt 98 - Werder Bremen 4:2 (2:0)
Werder geht erneut auswärts bei einem Aufsteiger unter. Statt Spielanalyse (keine Lust, kann ich auch Copy & Paste vom Spiel in Heidenheim machen) gibt es heute eine Lobhudelei auf Naby Keïta.
In der 69. Minute beim Stand von 0:4 wurde Naby Keïta für Romano Schmid eingewechselt. Er spielte erst rechts in der Doppelsechs neben Jens Stage und nach dessen Auswechslung wie ein Quarterback vor der Abwehr, um ein unwahrscheinliches Comeback aus der Tiefe heraus einzuleiten. Dazu kam es zwar nicht, doch Werder war nach seiner Einwechslung deutlich gefährlicher. Keïta war eindeutig der beste Spieler auf dem Platz und obwohl er noch nicht voll eingebunden schien, war es zu einem großen Teil seiner Leistung zu verdanken, dass Werder überhaupt noch einmal herankam.
Keïtas Spiel - minute by minute
70. Minute: Erster Ballkontakt nach einem Freistoß in der eigenen Hälfte. Keïta geht entgegen, wird mit dem Rücken zum Tor angespielt, macht eine kleine Finte, um den Passweg auf Stage zu öffnen. Dreißig Sekunden später Trifft Deman zum 1:4.
73. Minute: Keïta bekommt den Ball tief in der eigenen Hälfte von Groß, verlagert auf den linken Flügel und bekommt ihn sofort zurück. Er dribbelt kurz an und passt vertikal auf Ducksch.
74. Minute: Einwurf Deman auf Keïta, der den Ball nach hinten zu Pieper spielt.
75. Minute: Keïtas erste fünf Minuten waren komplett unspektakulär. Vier Ballkontakte, vier Pässe zum Mitspieler, keine besonderen Aktionen.
77. Minute: Einwurf Weiser auf Keïta, direkt zurückgespielt.
78. Minute: Ecke Ducksch von links. Der Ball wird aus dem Strafraum herausgeköpft, Keïta erläuft ihn sich im halblinken Rückraum. Er passt den Ball auf den Flügel zu Ducksch, der ihn zurück auf Keïta spielt und diagonal in den Strafraum rennt. Keïta passt den Ball über 20 Meter zwischen zwei Darmstädtern hindurch in seinen Lauf. Ducksch legt frei vor dem Tor quer und Veljkovic trifft zum 2:4.
80. Minute: Keïta wird am Mittelkreis unter Druck von Pieper angespielt. Er passt zurück auf Groß.
83. Minute: Keïta läuft sich in der eigenen Hälfte am rechten Flügel frei und bekommt den Ball. Er zieht nach innen und führt dabei seinen ersten Zweikampf des Spiels, den er gewinnt. Dann spielt er von der Mittellinie einen Vertikalpass in den Lauf von Njinmah, der jedoch von Maglica per Grätsche gestoppt wird.
84. Minute: Ecke Ducksch von rechts. Über Deman landet der Abpraller bei Keïta im halbrechten Raum. Er spielt den Ball auf den Flügel zu Ducksch (Parallele zur Situation vor dem 2:4) und der flankt aus dem Halbfeld in den Strafraum, wo Darmstadt klären kann (Parallele zu diversen anderen Situationen in Werders Spiel). Kurz darauf köpft Keïta einen hohen Ball mit dem Hinterkopf zu Deman - seine mit Abstand ungenauste Aktion in diesem Spiel.
85. Minute: Veljkovic spielt den Ball vom rechten Flügel zurück zu Keïta. Der wird von hinten angelaufen und dreht sich erst mit einer Finte nach links, dann mit einer Finte nach rechts auf. Er dribbelt am Gegenspieler vorbei in die gegnerische Hälfte und wird dort per Foul gestoppt.
87. Minute: Ein geklärter Ball aus der Abwehr landet bei Keïta. Er pflückt ihn problemlos runter, dreht sich um seinen Gegenspieler und läuft an die Mittellinie. Von dort spielt er einen Pass nach rechts in den Raum, wo ihn Njinmah erläuft.
88. Minute: Ein Kopfball vom rechten Flügel landet bei Keïta und klebt kurz darauf an dessen Fuß. Pass ins Zentrum auf Rapp. Der Ball geht zurück auf Pavlenka. Keïta hebt den Arm, steht hinter Darmstadts erster Pressinglinie frei. Der Keeper wählt die sichere Variante auf Pieper. Keïta hebt erneut den Arm, läuft noch ein paar Schritte weiter in den freien Sechserraum. Pieper spielt quer auf Veljkovic. Keïta hebt ein drittes Mal den Arm, nun unter leichter Bedrängnis eines Darmstädters. Es folgt jedoch ein langer Pass auf Woltemade und zwei Sekunden später hat Darmstadts Keeper Schuhen den Ball.
89. Minute: Spielaufbau Werder. Keïta kommt ganz tief entgegen und erhält den Ball von Veljkovic. Er läuft mit Ball bis zur Mittellinie und passt nach rechts raus zu Weiser, der ihn technisch gut verarbeitet und zurück spielt. Keïta passt aus dem rechten Halbraum diagonal auf Woltemade. Dessen Pass auf Njinmah geht jedoch ins Leere.
90. Minute: Keïta zeigt seinen Mitspielern inzwischen bei jedem Pass im Aufbauspiel die nächste Station an. Rapp spielt einen Doppelpass mit ihm, doch im Zentrum ist Schluss, weil Woltemade über den Ball stolpert.
93. Minute: Deman foult Bader an der Mittellinie, sieht Gelb und möchte mit dem Schiedsrichter diskutieren. Keïta schickt ihn und Ducksch weg, schnappt sich den Ball und legt ihn Darmstadt zum Freistoß hin, um keine weitere Zeit zu verlieren. Er versucht auch Bader auf die Beine zu helfen, der jedoch kein Interesse daran hat.
94. Minute: Keïta darf noch einmal einen Kopfball versuchen und klärt ins Mittelfeld.
95. Minute: Keïta flankt einen Freistoß von halbrechts in den Strafraum, doch der Ball war noch nicht freigegeben. Die Wiederholung führt dann Ducksch aus. Ansonsten lieft das Spiel in der Nachspielzeit an Keïta vorbei. Es gab viele lange Bälle und einige Unterbrechungen, sodass der Ball selten im Mittelfeld war.
Was bleibt unterm Strich?
Die verdiente Niederlage konnte Keïta nicht verhindern. Er machte weder ein spektakuläres Spiel, noch war er der Dreh- und Angelpunkt bei Werder. Es sah vielmehr so aus, als würde er zur Unterstützung seines Aufbautrainings in der zweiten Mannschaft mitspielen. Sein elegantes Spiel wirkt völlig mühelos, als müsse er sich nicht anstrengen, weil er weiß, dass er zwei Klassen besser ist als seine Mit- und Gegenspieler.
Man könnte das als Kritik auffassen, doch ich meine es überhaupt nicht so. Keïta ist offensichtlich noch nicht bei einhundert Prozent und man will nicht zu viel Risiko eingehen. Zudem ist es für einen Mittelfeldspieler in der Schlussphase eines solchen Spiels nicht leicht, oft an den Ball zu kommen, weil das Spiel häufig direkt in die Spitze geht (was es bei Werder ohnehin schon tut).
Der letzte Spieler, der bei Werder ähnlich überlegen wirkte, war Kevin de Bruyne, dessen Spiel zu seiner Zeit bei Werder aber noch relativ roh daherkam. In puncto Eleganz erinnert er mich aber eher an Micoud und Özil. Das ist natürlich kein fairer Vergleich, denn Keïta hat in Summe eine halbe Stunde für Werder gespielt und den Verein weder zur Meisterschaft noch zum Pokalsieg geschossen. Ein anderer Spielertyp ist er ohnehin und seine Mitspieler sind nicht auf dem Niveau der Teams, in denen Micoud und Özil herausragten. Keïtas Spiel löst bei mir aber ähnliche Gefühle und Gedanken aus. Er ist so offensichtlich überqualifiziert für den Job, dass man sich fragt, was dieser Spieler in unserer Mannschaft zu suchen hat.
Anders gesagt: Ich hätte Keïta zwar die große Karriere gewünscht, die er ohne seine Verletzungen zweifellos gehabt hätte, aber ich bin einfach froh, diesen Spieler im Werdertrikot zu erleben. Es ist eine Augenweide, ihm beim Spielen zuzuschauen und ich hoffe er kann seine Mitspieler mitreißen, sobald er bereit für die Startelf ist.



Es ist gut fürs Gemüt, sich nach diesem Spiel am Positiven (oder an Ansätzen von Positivem) fest zu halten. Ich hab mir ebenfalls im Moment seiner Einwechslung die Frage gestellt, ob er sich das Spiel seiner Mannschaft zum Zeitpunkt seines Wechsels so vorgestellt hat...
Diese Woche wird, denke ich, viel hinter den Kulissen passieren. Die Mannschaftsaufstellung zu kommentieren finde ich unpassend, da ich keine Trainingseindrücke habe die eine glaubwürdige Analyse erlauben würden. Die taktische Marschroute analysieren fällt ebenfalls schwer da scheinbar (zu) viele Spieler Fehler machen bei der kollektiven Defensivarbeit die bei egal welcher Taktik zu zu vielen Gegentoren führen. Die hintere 3-er Reihe trägt da nicht die alleinige Verantwortung. Lange Rede, kurzer Sinn... als Fan belastbare Aussagen zu machen, was HEUTE konkret falsch lief, fällt mir schwer (ausser die zahlreichen individuellen Fehler & mangelnden Biss zu monieren)
Dass die Mannschaft allerdings seit der Rückrunde der vergangenen Saison immer wieder die gleichen Schwächen zeigt, konstant defensive Schwächen sich wie ein roter Faden durch nun schon ca. 20 Spiele ziehen, dass die Mannschaft mit den Neuzugänge jetzt ab Spieltag 7 möglichst schnell zu einem funktionierenden Team zusammenfinden muss (offensiv wie defensiv), liegt nach diesem Spiel auf der Hand. Wir haben gegen beide Aufsteiger gespielt, gegen Mainz und Köln die beide zu den schwächsten Mannschaften derzeit gehören...und haben 6 Punkte und zu viele Gegentore.
Gerne halte ich mich am Positiven fest. Auch daran, dass diese Woche viel hinter den Kulissen passiert... und es einen klaren Plan des Trainerteam gibt ... sowie erkennbare Verbesserungen bis spätestens Mitte November (Heimspiel gegen die Eintracht) geben muss. Damit der Klassenerhalt gelingt... und der Wunsch nach einem Platz im sicheren Mittelfeld nicht schon im Januar/Februar ad acta gelegt werden muss.
Lass uns mal daran festhalten, auch wenns nach dem zweiten unterirdischen Auswärtsspiel in Folge, gerade schwer fällt.
Hallo Tobias
Alles ok? Fand deine Einträge hier immer ganz interessant...